Ins Spirituelle emporgedrungen
(NK vom 20.03.2006)

Eindrucksvolle Aufführung von Giacomo Puccinis Messa da Gloria und Giuseppe Verdis Quattro pezzi sacri in der Bayreuther Stadtkirche
Von Frank Piontek

 

Führt mich zum Papst! Gewährt mir eine Privataudienz und macht mich zum Mitglied der einen, heiligen, katholischen und vor allem: apostolischen Kirche!! Möge Gott mir meine vergangenen ketzerischen Bemerkungen verzeihen - denn schon während des Konzerts der Hochschule für evangelische (!) Kirchenmusik, dem Heiligen Carolus der Bayreuther Kirchenmusik, also unter Maestro Karl Rathgeber, fühlte ich, dass mein nächster Rom-Besuch etwas anderem gelten würde als der reinen Kunst.

Im Ernst: Wer sich Giacomo Puccinis originelle Messa da Gloria und Giuseppe Verdis ingeniöse „Quattro pezzi sacri” in der Stadtkirche anhören durfte, wird gespürt haben, dass er einem großen musikalischen Ereignis beiwohnte, das sich an wichtigen Stellen ins Spirituelle hochwand. Der Chor der Hochschule hat, zusammen mit dem Konzertchor der Hochschule für katholische Kirchenmusik Regensburg - ein Hoch auf die Ökumene! - und den Prager Philharmonikern, zwei Hauptwerke der italienischen Kirchengeschichte auf schlichtweg vollkommene Weise gebracht.

Der Kirchenraum spielt mit

Wer indes Puccinis Jugendwerk und den Altersstücken des greisen Verdi Opernhaftigkeit vorwirft, hat zwar nicht ganz Unrecht, trifft aber nicht den Kern. Den beiden Meistern gelangen geistliche Vertonungen, die die Sinnlosigkeit weltlicher und geistlicher Kategorien belegen. Hier treffen sie sich mit Mozarts c-Moll-Messe, die am folgenden Tag aufgeführt wurde, aber anders als die Stadthalle spielt der Kirchenraum hier glänzend mit: Wie sich die Streicher, in der Einleitung der Messe, in die Höhe des Chorraums emporbewegen, ist schon ätherisch. Die wundersam naive Heiterkeit des weiblichen „Gloria”, filigranen Details im Tenorsolo, das von Bernhard Schneider in bewährter Stimmschönheit gebracht wird - ein Gratias dafür -, die wahrlich glänzende, ergreifend reine Trompetenfanfare, der Frauenchor im „Et incarnatus”, die monumentale, doch nicht derbe Gewalt des „Credo in spiritum sanctum”: Das sind nur wenige Beispiele, die für den außerordentlich gelungenen Klang des Chors, für die Orchesterklangkultur der beglückend gut disponierten Prager Philharmoniker einstehen mögen. Schwer, darüber zu schreiben - und noch schwerer, über die vier Stücke Verdis zu schreiben. Das Ensemble bringt die verschiedenen Töne zwischen opernhafter Dramatik, lyrischer Vergessenheit und archaischem Choralgesang in einer Vollkommenheit, die nicht mit artistischer Glätte verwechselt werden kann. Diese Stücke gehören kaum in den Konzertsaal, in dem sie gelegentlich erscheinen. Die fahlen, in die Stille hineinfallenden Seufzer-Motive des Stabat mater kommen, beispielsweise, erst im Hallraum unübertroffen zur Geltung. Hier die bewegende Erinnerung an die flandrischen Gesandten des „Don Carlos”, dort die sublimen Frauenstimmen in Dantes „Laudi”, herrlich schließlich der mächtige Bittgesang des „Salvum fac populum” des Te Deum: Auch das sind nur wenige Beispiele einer Interpretationskunst, die man schwer, nein: sehr schwer vermissen müsste, schlösse die Hochschule für evangelische Kirchenmusik ihre Pforten. Der Verlust für das Bayreuther Konzertleben wäre kaum zu ermessen.

Käme ein ungläubiger Rezensent sonst auf den Gedanken, sich in die Gemeinde der apostolischen Kirche einzugliedern?

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