Nordbayerischer Kurier am 21.05.2007
Schüsse aus der großen Trommel
Verdis Requiem in Kulmbach unter der Leitung von Karl Rathgeber
Verhandlungsort des Jüngsten Gerichts ist das Haus
Gottes. In der St. Petrikirche bricht es los, mit solcher Wucht, dass die
Mauern dröhnen und die Fenster scheppern. Christus am Kreuz hält das Haupt
gen Himmel gewendet, wie um den Vater um ein bisschen Nachsicht zu bitten.
Giuseppe Verdis „Messa da Requiem“: Da wurde am Sonntag in Kulmbach der
letzten Dinge wie auf einer Welt-Bühne gedacht, mit dem Begehren der
Inbrunst in den Stimmen, mit der Außenwirkung einer überzeitlichen
Proklamation; eine anrührende und bestürzende Darbietung,
vom Publikum in der vollen Kirche zunächst mit stummer Ergriffenheit, dann
mit starkem Applaus bedacht.
Ursprünglich hatte Karl Rathgeber, mit dem Chor der Hochschule für
evangelische Kirchenmusik und den Prager Philharmonikern KSO die kolossale
Totenfeier in der Bayreuther Stadtkirche aufführen wollen – wer weiß, was
Musik wie diese dort, in den vom Einsturz bedrohten Gewölben, angerichtet
hätte?
Der Tag des Zorns dauert eine halbe Stunde. Mit brutalen Schlägen des
Orchesters beginnt die riesige „Dies irae“-Sequenz, mit Kanonenschüssen aus
der großen Trommel und Panikgesängen des Chors, der alsbald zu zischendem
Flüstern erstarrt, atemlos.
Gegenhalt finden die mächtigen Zug- und Spannkräfte der
Ausdrucks-Architektur im letzten Teil: „Libera me“, „Befreie mich“. Da tobt
der schwarze Jüngste Tag noch einmal zerstörungswütig los – doch zur
kleinlauten „Requiem“-Reprise (wie im prologartigen Anfangssatz) führt
Rathgeber den Chor zurück – und hinein in eine federnde Fuge.
130 Sänger
Durchdifferenziert klingen die etwa 130 Sänger stets, vorbildlich
schwingungs-, trübungslos. Die meist jungen Stimmen balancieren wechselvoll
männliche und weibliche Register aus. Mit Natürlichkeit gelingen ihnen
Piano- oder Forte-Effekte von packender Plötzlichkeit, auch stolzes
Crescendo, ätherischer Lichtblick.
Effekte? Eine verkappte Oper stecke in Verdis Werk, warf man ihm vielfach
vor. Wirklich steht es dem Theater nah: Mit Donner und „Coup“,
facettenreicher Dramaturgie und plastischer Unmissverständlichkeit kommt es
in Kulmbach zustande. Viel verdankt sich dabei dem Orchester, das
allerdings, nach dem brachialen „Dies irae“, am Beginn des „Offertoriums“
sein Pulver verschossen hat – schlimm greifen die Cellisten daneben –, bis
es sich fängt, mit markigen Holzbläser-Sätzen und Dunkelglanz des schweren
Blechs. Große Oper? Gemessen leidenschaftlich treten die Solisten aus dem
Schauspiel hervor, mit psalmodierenden Einzelaktionen – wie die Sopranistin
Carole FitzPatrick im Finalteil –, doch öfter kombiniert: vollblütig
beherrschend (dabei etwas hart) der Mezzo von Kerstin Descher, dazu Bernhard
Schneider und Manfred Volz als Tenor und Bass. Nicht ganz sicher orientieren
sich die Künstler auf den Umwegen von Melos und Harmonik; ganz ebenbürtig
finden die Stimmformate nicht zusammen. Doch mit einer Prise „Italianità“
emanzipieren sie sich von der Kulisse des Chors, der nordische Eindeutigkeit
pflegt.
„Requiem aeternam …“: Den Ring zum Schluss schließen Karl Rathgebers
Ensembles trefflich. „Libera me“: Der Pianissimo-Ausklang, in zweifelndem
Moll, hält das Jüngste Gericht ungewiss in der Schwebe. Zittern und Flehen,
Verdammung und Freispruch liegen beieinander. In Verdis Theaterhimmel lässt
sich Gottvater nicht blicken, doch die diesseitige Welt spiegelt sich darin
mit ihren Zeitaltern der Angst und jenen der Hoffnung. th |